Krypto-Token sind längst nicht mehr nur bei Start-ups ein beliebtes Mittel zur Finanzierung. „Initial Coin Offerings“ kamen 2017 als einfache Alternative zum Börsengang auf. Aufgrund von Betrugsfällen und gefloppten Tokenangeboten scheint der Hype wieder abgekühlt. Mit dem Capco Experten Andreas Müller sprachen über den aktuellen Stand der Industrie sowie über die Alternativen zum ICO.

Im letzten Jahr wurde viel über Initial Coin Offerings (ICOs) als Möglichkeit der Start-Up Finanzierung im Blockchain Bereich gesprochen. Was ist die Idee hinter ICOs, wie sind sie entstanden, und wie haben sie sich entwickelt?

Das Prinzip hinter Initial Coin Offerings (ICOs) ist ähnlich dem des Crowdfundings. Crowdfunding gibt Konsumenten die Möglichkeit, die Entwicklung eines Produktes zu finanzieren – gegen das Versprechen, dieses Produkt später zu erhalten.

Krypto Start-ups haben dieses Prinzip auf sogenannte Utility Tokens übertragen. Hier erhalten Investoren Utility Tokens, um diese später gegen ein Produkt tauschen zu können. Dieses Prinzip wurde erstmals im Jahr 2013 von J. R. Willett für das Projekt Omni (ursprünglich Mastercoin) eingesetzt und wird als ICO bezeichnet.

Der entscheidende Unterschied zwischen Crowdfunding und ICOs ist jedoch, dass im Crowdfunding die Finanzierung durch Personen erfolgt, die Interesse an der Nutzung des zukünftigen Produktes haben. Bei ICOs hingegen besteht die Möglichkeit, die Tokens nach erfolgtem ICO zu veräussern.

In den Jahren 2017 und 2018 entwickelte sich ein starkes Interesse an ICOs. Krypto Start-ups profitierten von der einfachen Art der Finanzierung und Investoren sahen in erster Linie das kurzfristig attraktive Renditepotenzial.

Capco Experten Andreas Müller

Capco Experte Andreas Müller

Was ist der Grund für das stark abgeschwächte Interesse an ICOs, und warum waren so wenige Start-Ups erfolgreich trotz erfolgter Finanzierung?

Die oben beschriebene Kombination aus einfacher und wenig regulierter Art der Finanzierung sowie das Interesse der meisten Investoren am kurzfristigen Renditepotential führte dazu, dass der Tokenpreis nach erfolgtem ICO aufgrund des Verkaufsdrucks oft stark fiel. Der im ICO erzielte Preis des Tokens wurde oft nicht gestützt durch die Nachfrage an dem zukünftigen Produkt. In der Hochphase der ICOs, von 2017 bis zum Sommer 2018 war es somit sehr einfach, ein Start-up zu finanzieren ohne ein ausgereiftes Geschäftsmodel vorzuweisen. Hinzu kamen Betrugsfälle, die den Ruf zusätzlich verschlechterten.

Wie haben die Regulierungsbehörden auf die durch ICOs verursachten Probleme reagiert, und welche Ziele verfolgen die Regulierungsbehörden?

Die Regulartoren reagierten mit verschärfter Anwendung vorhandener Regularien und der Ausgabe von Richtlinien. So hat die SEC von Anfang an den Standpunkt vertreten, dass Utility Tokens als Wertschriften betrachtet werden müssen, da sie von Investoren als solche verstanden werden – unabhängig davon, welchen Zweck ein Start-Up verfolgt. Im Laufe der letzten zwei Jahre hat die SEC die Anwendung dieses Prinzips weiter verschärft. Die FINMA sorgte im Dezember 2018 für mehr Klarheit durch die Definition der FinTech-Lizenz und entsprechender Richtlinien.

Regierungsbehörden verfolgen bei ICOs grundsätzlich zwei weitere Ziele: einerseits wollen sie ein innovatives Umfeld für Start-ups schaffen, um Wachstum zu fördern und Anlegern zu ermöglichen, an diesem Wachstum zu partizipieren. Andererseits soll der Anlegerschutz gewährleistet sein und Geldwäsche verhindert werden.

Welche Due Diligence sollten Anleger durchführen und welche Fragen sind für professionelle Anleger wichtig?

Nachdem anfänglich klassische Due Diligence Aspekte wegen des Hypes um ICOs vernachlässigt wurden, fokussieren sich professionelle Anleger mittlerweile auf Fragen nach der Validierung des Geschäftsmodells, zur Unternehmensführung sowie den Mitarbeitern des Start-ups. Insbesondere konnten wir während der letzten Monate ein erhöhtes Interesse an dem Finanzmodell von Start-ups feststellen. Es wird deutlich, dass auf Seiten der Anleger eine Professionalisierung stattgefunden hat und Start-Ups im Bereich Krypto den gleichen Due Diligence Anforderungen unterliegen, wie wir sie seit Jahren von Tech Start-Ups kennen.

Security Token-Offerings etablieren sich als zusätzliche Möglichkeit zur Finanzierung. Wie funktionieren STOs und wo ist der Unterschied zwischen ICOs, STOs und IPOs?

Im Regelfall werden bei STOs Wertschriften für das eingebrachte Kapital ausgegeben, dadurch sind STOs wesentlich stärker reguliert als ICOs. Ein STO findet zunächst im Rahmen eines exklusiven privaten Verkaufsprozesses, dem private Pre-Sale statt, gefolgt von einem öffentlichen Angebot. Wesentlich ist, die Regulierungsbehörden dabei frühzeitig einzubinden. Der Unterschied zwischen STOs und IPOs besteht darin, dass IPOs wesentlich teurer sind und von einem Start-up erst in einer späten Phase durchgeführt werden können.

Was sind Alternativen zu ICOs und wonach sollten Start-ups entscheiden, auf welche Art sie sich finanzieren?

Es bieten sich verschiedene Alternativen zu ICOs, namentlich Security Token Offerings (STOs) und andere Kapitalaufnahmemöglichkeiten von Angel Investors, Venture Capital oder Private Equity Fonds, bis hin zu Initial Public Offerings (IPOs).

Die Entscheidung, welche Art der Finanzierung für eine Start-up die beste ist, hängt von den individuellen Bedürfnissen ab. ICOs sind – da wenig reguliert – problematisch und waren oft verbunden mit dem Versuch, Regulatoren auszuweichen, z.B. durch den Ausschluss von US Investoren.

Business Angels haben in der Regel ein Interesse, ihre Erfahrungen stark einzubringen und als Mentor zu wirken, die Höhe der Finanzierung ist jedoch meist kleiner als bei einer Finanzierung durch Venture Capital. Bei Letzteren ist der Prozess langfristiger und die Gründer geben einen Grossteil ihrer Selbstbestimmung auf. IPOs sind kostspielig und erfolgen daher erst in einer späteren Lebensphase eines Start-ups. Es bleibt abzuwarten, welch Stellung STOs in Zukunft haben werden. STOs sind stärker reguliert und nehmen, die von Regulatoren vorgegeben Stossrichtungen auf. Ein STO ist kostengünstiger und schneller durchführbar als ein klassischer Börsengang. Ausserdem ermöglicht der STO den Gründern eine grössere Unabhängigkeit als bei der Finanzierung durch Venture Capital oder Angel Investoren.

ICOs haben zurzeit ein negatives Image. Wie können Start-ups im Bereich Blockchain vermeiden, damit verbunden zu werden?

Die Durchführung von ICOs ist zwar weiterhin möglich, aber nicht zu empfehlen. Das Risiko, dass die Regulierungsbehörden Tokens als Security einstufen, besteht unverändert, in der Vergangenheit hat das zum Beispiel dazu geführt, dass ICOs abgebrochen werden mussten. Start-ups sollten deshalb von sich aus Utility Tokens von Security Tokens trennen und die Finanzierung nicht über Utility Tokens durchführen.

Welche Schritte sollte ein Start-up befolgen, um sowohl beim Fundraising als auch beim Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens erfolgreich zu sein?

Grundsätzlich haben sich im Bereich Krypto die üblichen Anforderungen für Start-up Fundraising etabliert. Das bedeutet konkret, dass Investoren schon in der Fundraising-Phase überzeugt werden müssen, dass das Unternehmen später erfolgreich sein kann. Der Fokus sollte deshalb auf der Entwicklung des Produktes liegen und der zukünftige Markt klar verstanden werden. Wie erläutert, war dieser Fokus bei ICOs oft nicht gegeben.